Was chronische Hyperventilation mit dem Körper machen kann
Atmen ist selbstverständlich. Trotzdem kann sich unser Atemmuster so verändern, dass wir dauerhaft mehr Luft bewegen, als unser Körper gerade benötigt. Man spricht dann von Hyperventilation.
Entscheidend ist dabei nicht unbedingt eine hohe Atemfrequenz. Auch häufiges oder sehr tiefes Einatmen kann dazu führen, dass zu viel CO₂ abgeatmet wird.
CO₂ ist dabei keineswegs nur ein „Abfallprodukt“. Sinkt sein Anteil im Blut, verändert sich der Säure-Basen-Haushalt und unter anderem verengen sich Blutgefäße im Gehirn. Dadurch können Schwindel, Benommenheit, Konzentrationsprobleme oder Sehstörungen entstehen. Die veränderte neuromuskuläre Erregbarkeit kann außerdem Kribbeln, Taubheitsgefühle, Muskelspannung oder bei stärkerer Ausprägung Krämpfe begünstigen.
Auch das Gefühl von Luftnot kann paradoxerweise Teil dieses Kreislaufs sein: Man hat das Gefühl, nicht genügend Luft zu bekommen, atmet daraufhin tiefer oder häufiger – und verstärkt dadurch möglicherweise die Hypokapnie.
Und was hat das mit Spannung zu tun?
Bei einer dauerhaft veränderten Atmung können sich auch die Bewegungs- und Spannungsverhältnisse von Brustkorb, Zwerchfell und Atemhilfsmuskulatur verändern. Häufiges Seufzen, Gähnen oder das Bedürfnis nach einem besonders tiefen Atemzug können Hinweise auf ein verändertes Atemmuster sein.
In der Praxis begegnet mir dabei häufig ein interessanter Widerspruch: Der Körper bemüht sich immer stärker um einen „guten“ Atemzug – und genau dadurch wird die Atmung manchmal weniger effizient.
Dabei sollte man allerdings zwischen Hyperventilation und einem allgemein veränderten Atemmuster unterscheiden. Nicht jedes auffällige Atemmuster geht mit einer messbaren Hypokapnie einher.
Was wir heute wissen – und was noch nicht
Die unmittelbaren physiologischen Folgen einer Hypokapnie sind gut untersucht. Schwieriger wird es bei weitergehenden Aussagen über chronische Hyperventilation.
In der Körpertherapie werden beispielsweise Zusammenhänge mit erhöhter Wachsamkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Angst, Panik, „innerer Unruhe“ oder verstärkter Körperbeobachtung beschrieben. Auch Zusammenhänge mit bestimmten chronischen Spannungsmustern werden diskutiert.
Die wissenschaftliche Grundlage für diese weitergehenden Zusammenhänge ist derzeit jedoch noch nicht ausreichend, um daraus allgemeine Ursache-Wirkungs-Beziehungen abzuleiten. Insbesondere sollte man nicht jede dieser Beschwerden automatisch auf eine Hyperventilation zurückführen.
Was sich dagegen gut belegen lässt: CO₂ ist ein wichtiger Regulator unserer Physiologie, und die Art und Weise, wie wir atmen, beeinflusst unseren Körper weit über die reine Sauerstoffaufnahme hinaus.
Vielleicht geht es bei einer guten Atmung deshalb manchmal nicht darum, mehr Luft zu bekommen, sondern darum, mit weniger Atemaufwand auszukommen.
Ein möglicher Einstieg
Als leicht zugänglichen Einstieg in das Thema empfehle ich meinen Patienten gerne James Nestors Buch „Breath – Atem“. Es bietet einen verständlichen Überblick darüber, welche Bedeutung unsere Atmung für den Körper haben kann.
In unserer gemeinsamen Arbeit geht es dann weniger um theoretisches Wissen als darum, konkrete Übungen in den Alltag zu integrieren.
Für den Anfang lässt sich meine allgemeine Empfehlung vielleicht ganz einfach zusammenfassen:
Durch die Nase. Langsam. Weniger ist mehr 🙂